Das Gespenst der Pränataldiagnostik [jawollDownSyndrom]

[Dieser Artikel erschien bereits am 18.10.16 auf meiner privaten Facebookseite]

Gestern war unser dritter Pränatal-Diagnostik-Termin bei Dr. Tekesin.

Als wir ihn kennen lernten, war ich in der 13. Schwangerschaftswoche und die einzige Info bis zu diesem Punkt war, dass die Kombi aus Nackentransparenzmessung und Blutwerten einen Verdachtsmoment ergeben haben. Also saßen wir in diesem Wartezimmer und waren aufgeregt, ängstlich und trotzdem fest entschlossen, dieses Kind zu kriegen.

Nach einer sehr ausführlichen Ultraschalluntersuchung bat er uns wieder in sein Büro und sagte, dass wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Kind mit Down Syndrom erwarten. Bei einer unauffälligen Schwangerschaft in meinem Alter läge das Risiko bei 1:376 oder so. Mein Risiko läge bei 1:3. Der Schock traf mich kurz. Dann sagte er „Wir haben 3 Möglichkeiten.

 

1) Sie gehen heim, wir machen nichts und warten die Geburt ab.“

2) „Wir machen eine Fruchtwasserpunktion und entnehmen zusätzlich Blut aus der Nabelschnur.“ (Neinneinneinnein)

3) „Wir machen einen Bluttest, der uns zu 99% Aufschluss über die Diagnose gibt.“

Ohne nachzudenken, lehnte ich 2) ab, keiner fuchtelt mit ner dicken Nadel in der Nähe meines Babies rum. Zu dem Zeitpunkt hab ich gar nicht über die Fehlgeburtenrate nachgedacht. Ich wollte einfach nicht.

Also machten wir den Bluttest, für den wir 430€ zahlten. Da die Ergebnisermittlung lange dauerte, sollte ich 10-14 Tage später Bescheid bekommen. Der Test ermittelt die Dreifachchromosomen in meinem Blut, die in den abgestorbenen Hautzellen des Kindes vorkommen. Diese Hautzellen haften sich durch das Fruchtwasser an der Plazenta an und gelangen so in mein Blut. Es ist klar, dass so nur noch wenige eindeutige Zellen mit Dreifachchromosomen ermittelt werden können, deswegen „verspricht“ dieser Test nur 99% „Sicherheit“. Unser Ergebnis kam nach 1 Woche schon und bestätigte die bisherigen Ergebnisse.

Dr. Tekesin sagte am Telefon, dass wir in den ersten 20er Schwangerschaftswochen einen weiteren Termin machen sollten, um das Herz und die Organe zu checken. Also einen Termin für die 22. Woche ausgemacht.

Dieser Termin war sehr lang, da er sehr ausführlich das Herz und alles andere anschaute. Er machte auch einige 3D-Aufnahmen und druckte uns eins davon aus. Ich hab geheult, weil diese Bilder alles so real machen. Und der Schwabe in mir dachte „Ach, guckste, sonst hätten wir dafür zahlen müssen.“ Verrückt, oder?

Bis auf einen sogenannten White Spot im Herzen und Zysten am Hirn gab es keine Schäden, die man erkennen konnte. Beides käme auch bei nichtbehinderten Ungeborenen vor und kann sich verwachsen.

Am Ende dieses Termins sagte Dr. T was, das bis heute stark in mir nach hallt: „Danke, dass Sie überhaupt gekommen sind.“ Ganz offensichtlich sieht er wenige Frauen oder Paare zu diesem zweiten Termin, die meisten haben die Abtreibung zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich. Auch nach dem zweiten Termin waren wir wieder sehr angetan von seiner freundlichen, aber direkten Art. Er ist ein sehr angenehmer Gesprächspartner und gibt einem das Gefühl, dass es keine doofen Fragen gibt.

Er empfahl uns, in einem Krankenhaus mit Kinderklinik zu entbinden (also mir, ihr wisst, was ich meine). Mir wäre lieber gewesen, wenn ich wieder ins Charlottenhaus, eine reine Frauenklinik, hätte gehen können. Also hab ich diese Entscheidung noch vertagt.

Der letzte Termin war nun wieder 8 Wochen später und er ging recht schnell. Einmal alles ausmessen, das Herz mehrfach untersuchen und wieder ein 3D-Bild. Und mit welcher Macht mich dieses Bild getroffen hat. Da blickte mich (mit geschlossenen Augen) unser großer Sohn an, mit einem Hauch Babybild von mir selbst. Natürlich musste ich wieder weinen. Wie hübsch kann man denn sein eigenes ungeborenes Kind finden?

Das Ergebnis dieser Untersuchung war, dass alles bestens ist. Das Herz ist gut, alle Organe intakt, Wachstum und Gewicht im unteren Drittel der zeitgemäßen Entwicklung. Bei der Verabschiedung fragte ich „Dann haben wir keinen weiteren Termin?“ Nein, das bräuchten wir nicht, es sei alles in Ordnung.

Kurz fühlte ich mich wie im Film „Speed“, als der Bus auf eine Lücke in der Autobahn zurast und alle Begleitfahrzeuge zurück bleiben müssen. Keanu Reeves und Sandra Bullock hängen sich voll rein, um auf der anderen Seite mit leichten Blessuren und mit viel Gerumpel wohlbehalten anzukommen. Aber das Gefühl hielt nur kurz an, dann dachte ich schon wieder an ein belegtes Brötchen vom Bäcker.

Ab hier fahren wir also ohne Begleitfahrzeug bzw. mit den normalen Untersuchungen beim Gynäkologen.

Vor kurzem wurde ich gefragt, ob ich es gut oder schlecht finde, dass es diese pränatalen Untersuchungen gibt. Ich glaube, dass, wenn man diese Untersuchungen macht, man schon eine Tendenz oder ein Bauchgefühl braucht, um später eine für sich richtige Entscheidung zu fällen.

Ich vergleiche das Ganze mal mit nem Vorabblick in die Online-Speisekarte des Restaurants, das man am Wochenende besucht. Wenn man total Bock auf das Angus Rind mit handgeschnittenen Fritten hat und nicht offen ist für alles andere, man dann aber die Info kriegt, dass man nur die Sonderkarte mit belegten Broten bestellen darf, dann ist das natürlich enttäuschend.

Unser ungeborenes Kind ist für uns der Triple-Burger mit Extra-Käse und -Bacon, mit Balsamicozwiebeln und Schmortomaten. Dass es bisher keine sichtbaren Herz- oder Organschäden hat, ist der gratis Brownie mit Vanilleeis, Sahne und Karamellsoße.

Wir freuen uns so sehr auf unser Kind, dass wir zwischendurch vergessen, dass es mit einer Behinderung zur Welt kommen wird.

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